Zeitreise ins Russland der 60iger Jahre


Anmerkung:

Warum ich in meinem Reiseblog auch einmal zurückblicke und mit allen, die Lust haben, auf Zeitreise gehe, will ich kurz erklären. Das sportliche Geschehen aus der Nähe und Ferne zu beobachten und darüber zu berichten, war fast über 40 Jahre lang meine große Leidenschaft. Hierbei hatte ich viele Wegbegleiter, die mit ihren sportlichen Leistungen nicht nur mich sondern sehr, sehr viele Mitbewohner unseres kleinen Städtchen zu begeistern wussten. Allen voran, die Fußballer von TuS Ahlen. Nach Blau Weiß Ahlen mein zweiter Verein, in dem ich auch aktiv am Fußballgeschehen teilnehmen durfte - wenn auch (verletzungsbedingt) nicht sehr lange. Und die ,,Ahlener Grünweißen'' - wie sie wegen ihrer Trikotfarben oft genannt wurden - gingen 1967 auf eine Reise, die es so niemals zuvor und auch danach nicht wieder gegeben hat. Sie unternahmen auf Einladung des russischen Fußballverbandes für insgesamt elf Tage eine Reise,die neben sportlichen auch kulturelle Höhepunkte hatte. Jetzt, im Mai 2018, wenige Wochen vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft, gelang es den ehemaligen Spielern Bernd Mehring und Rainer Tenbrink zumindest einige der damaligen Kicker an den runden Tisch im Hause Mehring zu holen, um gemeinsam auf Zeitreise zu gehen, zurück in den Sommer 1967. Schließlich finden Spiele der Weltmeisterschaft ausgerechnet in den drei Stadien statt, in denen auch die Ahlener auflaufen durften. In diesem Sinne, viel Spaß beim Lesen!

Glück Auf!

 

Ein Foto mit absolutem Seltenheitswert: Spieler und Verantwortliche von TuS Ahlen vor der Geburtsstätte von Konstantin Eduardowitsch Ziolkowski, dem Wegbereiter der russischen Raumfahrt, heute ein Museum. Dieses besichtigten die Ahlener und im Goldenen Buch dieses Museums, wo sich auch heute noch hochrangige Politiker bei ihren Besichtigungen eintragen, durfte Rainer Tenbrink  auch den Besuch der TuSler verewigen.  In der zweiten Reihe von links zu sehen sind an Position sechs der Gastgeber und Organisator des Erinnerungsabends Bernd Mehring sowie Mitorganisator Rainer Tenbrink (Position acht). Übrigens: nur einen Steinwurf von diesem Gebäude entfernt befindet sich das Trainingszentrum der russischen Raumfahrt, wo sich auch Alexander Gerst, der deutsche Astronaut, auf seine Missionen ins Weltall vorbereitet.


Dieses Plakat kündigte die Partie von TuS Ahlen gegen Traktor Wolgograd am 6.August 1967 an. Ein Erinnerungsstück fast schon von historischem Wert. Bernd Mehring hatte damals die Idee, es abzunehmen und schnell in den Koffer zu packen. Demnächst wird es einem Museum zur Verfügung gestellt.

Die Reise

Im Sommer 1967 war TuS Ahlen als bislang einziger Amateurverein Deutschlands zu Gast in Russland

 

Die Spiele

Dreimal trat der Klub im Russland von Leonid Breschnew an. Insgesamt verfolgten 89.000 Zuschauer die drei knappen Niederlagen in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, Kaluga und Wolgograd.

 

Das Wiedersehen

51 Jahre später, im Jahr der Fußballweltmeisterschaft mit Spielen in den Stadien, in denen auch TuS Ahlen spielte, trafen sich die Spieler von damals wieder und wiederholen die Reise- wenn auch nur virtuell.



Über Hannover und Berlin nach Moskau

Es war die Zeit des Kalten Krieges. Moskau und Washington beäugten sich argwöhnisch, Berlin- Besuche gestalteten sich wegen der 1961 errichteten Mauer schwierig. Wer dachte da schon an eine Reise nach Russland. ,,Wir sicher auch nicht, das traf uns alle ja wie ein Blitz aus heiterem Himmel'', erinnert sich Mittelfeldspieler ,,Orly'' Schenkel. Die starke Präsenz der damaligen Kommunistischen Partie Deutschlands in Ahlen machte jedoch möglich, ,,was sich keiner von uns in seinen kühnsten Träumen vorgestellt hatte''. 

Anfang 1967 flatterte dem Verein TuS Ahlen eine Einladung des russischen Fußballverbandes ins Haus.

Staatspräsident Leonid Breschnew sollte sein Land für westliche Besucher öffnen. Und weil der Fußball auch damals in Russland schon einen hohen Stellenwert hatte, sollte eine deutsche Amateurmannschaft das Land bereisen dürfen.

Und so machte sich der Ahlener Tross im August 1967 per Bus auf nach Hannover. Von dort ging der Flieger über Ostberlin nach Moskau (das Foto zeigt die TuSler bei der Ankunft), wo die Ahlener freundlich empfangen wurden. ,,Leider konnten damals nicht alle Spieler mit, einige durften auch nicht, so dass wir uns Spieler aus der eigenen Jugend und der damaligen zweiten Mannschaft dazu holten'', berichtete Jürgen Linnemann.

 ,,Das war unser Glück'', frohlockte Bernd Mehring, der zusammen mit dem damaligen Nachwuchstorschützenkönig Erich Hesse aufgrund der guten Leistungen bei den Junioren ebenfalls die Reise mit antreten durfte. Und die ersten Eindrücke von Russland? ,,Alles grau in grau'' erinnert sich Wolfgang Schmidt. ,,Man sah sehr wenig Farbe und auch die Straßenverhältnisse waren nicht optimal. Allen in Erinnerung geblieben ist die Fahrt zum Spiel nach Wolgograd. ,,Wir fuhren auf eine Schotterpiste durch die trockene Steppe und dies alles in einem Bus ohne Klimaanlage und Fenster, da kann sich jeder vorstellen wie es uns ging, als wir zum Spiel antreten mussten.''

So sieht das Stadion von St. Petersburg heute aus, kurz vor der Weltmeisterschaft. Als die Ahlener dort spielten, wachte noch Lenin über alle, wie einem der nachfolgenden Fotos (bitte mal rechts in die obere Ecke schauen) unschwer zu entnehmen ist.

Allerdings - und da lachen sie alle noch heute - schlugen sie dem gegnerischen Team ein kleines Schnippchen und zogen die Herzen der Zuschauer auf ihre Seite, als sie die von den gegnerischen Spielern überreichten Blumensträuße gleich an das Publikum weitergaben. ,,Die freuten sich, klatschten Beifall und waren uns sofort wohl gesonnen'', schmunzelt Rainer Tenbrink, der sich wie alle anderen auch noch heute die Augen reibt, wenn er an die Zuschauerzahlen denkt. Unglaubliche 47.000 schauten sich am am 31. Juli 1967 das 3:0 von Zenit Leningrad, dem heutigen St. Petersburg  gegen TuS Ahlen an. Unsere beiden Fotos stammen aus diesem Spiel. 

20.000 Zuschauer sahen am 3. August 1967 eine 0:5 in Kaluga gegen Lokomotive Moskau , das drei Wochen zuvor noch den FC Schalke 04 mit 3:0 besiegt hatte und am 6. August  1967 verfolgten 20.000 Russen das 0:4 bei Traktor Wolgograd.

Die Stadien in Wolgograd und Leningrad (St. Petersburg), in denen die Ahlener spielten, wurden für die Weltmeisterschaft 2018 umgebaut.

Unser Foto unten links in diesem Artikel zeigt das neu erbaute Stadion von Wolgograd. Es liegt direkt am Wasser und beschert Spielern und Fans stets die dringend benötigte leichte Brise, denn die Temperaturen im Sommer gehen nicht selten bis auf 46 Grad hoch, so wie damals, als die TuSler dort spielten. ,,Wir nahmen es aber locker'', erinnert sich ,,Orly'' Schenkel, das tollste für uns war es vor mehr oder weniger ausverkauftem Haus zu spielen.''

Nie wieder in ihrem Leben haben sie vor einer solchen Kulisse gespielt. ,,Die haben sogar auf den Bahnhöfen Durchsagen gemacht und auf die Spiele gegen uns hingewiesen.'' Das sie in den Begegnungen insgesamt chancenlos und alle drei Spiele zu Null verloren, war letztlich zweitrangig ,,obwohl wir uns schon einiges erhofft hatten'', verweist Außenstürmer Werner Binek auf den Ehrgeiz, den wir alle hatten.

,,Doch wir konnten uns nicht viel vorbereiten, zudem hatte die Mannschaft so noch nie zusammengespielt, da war uns schon klar, dass es schwer werden wird.''

An den Ehrgeiz der russischen Spieler erinnern sie sich alle, aber auch an das Interesse der Spieler mit ihnen Rubel gegen Nylonwäsche zu tauschen. ,,Wir mussten zwar alle sehr vorsichtig sein, weil dies verboten war, aber geklappt hat es immer.'' Und Rainer Tenbrink hatte am Ende ,,so viele Rubel in der Tasche, dass ich in Moskau in diesem unglaublichen Kaufhaus GUM ein Präsent für meine Frau kaufen konnte.'' Das die erworbene Pelzmütze am Ende nicht den erhofften Zuspruch fand, nimmt Rainer Tenbrink 51 Jahre danach locker.

,,Aber das Kaufhaus zu sehen, war super, aber auch alles andere, was wir kulturell erleben durften hat uns bereichert.'' Wolfang Schmidt erinert sich sehr geren an den Mamajewhügel. ,,Das Denkmal der Frau mit diesem fast 20 Meter langen Schwert hat mich schon beeindruckt. Er und alle anderen sagen noch heute unisono: ,,Es war die Reise unseres Lebens.''


Sie freuten sich auf ihr Wiedersehen: Wolfgang Schmidt, Jürgen Linnemann, Rainer Tenbrink, Bernd Mehring, ,,Orly'' Schenkel, Werner Binek und Sportreporter Herbert Rüsing (von links).

Zu früh gegangen

Zu gerne wären Peter Zurek und Siggi Treichel beim Wiedersehen mit von der Partie gewesen, doch krankheitsbedingt mussten sie absagen. Spieler wie Jürgen Wagner, der damalige Libero und spätere Trainer von TuS Ahlen, Berni Wagner oder Manfred Linnemann, um nur einige zu nennen, leben leider nicht mehr. ,,Sie sind viel zu früh von uns gegangen'', waren sich die Teilnehmer der Wiedersehensrunde alle einig.

Sportreporter als Zeitzeuge

Noch heute merkt man dem damaligen Sportreporter Ahlener Zeitung an seinen Ärger an. Weil TuS Ahlens Trainer Jule Weitkamp eine offenbar lukrative Vereinbarung mit der damaligen Westfälischen Rundschau abgeschlossen hatte, konnten die interessierten Ahlener nur in dieser Zeitung lesen, was ihre TuSler in Russland erlebten. ,,Dafür bin ich heute dabei'', gab sich Reporter  Herbert Rüsing aber nachsichtig.

Alben, Dias und viel mehr

Gastgeber und Organisator Bernd Mehring war bestens auf den Wiedersehensabend vorbereitet. Wimpel, Plakate, Fotoalben und viele Dias präsentierte er neben den vielen persönlichen Erinnerung. Aber auch seine ehemaligen Kollegen war vorbereitet. Jeder hatte sein persönliches Album dabei. So konnten Bilder verglichen oder sogar getauscht werden. Und sie alle waren überrascht über die Vielzahl der Erinnerungen an diese einmalige Reise



Da staunten die Russen: Drei Brüderpaare

,,Das hatten die auch noch nicht erlebt'', lachte Jürgen Linnemann noch heute, wenn er an die erste Begegnung mit den Verantwortlichen des Russischen Fußballverbandes zurückdenkt. Gleich drei Brüderpaare bildeten den Kern der Ahlener Mannschaft, die insgesamt drei Spiele in Russland austrug. Die Brüder Bruno und Helmut Bartheit besetzten die beiden Außenpositionen, Bernie und Jürgen Wagner waren für  die Defensive verantwortlich, während Jürgen Linnemann das Tor hütete und Manfred Linnemann im Sturm für die Tore sorgen sollte. In Russland trafen die Ahlener jedoch nur einmal, leider ins eigene Netz. Rainer Tenbrink erinnert sich. ,,Unser Verteidiger Siggi Treichel setzte bei einem Abwehrversuch zu einem Seitfallrückzieher an, traf den Ball aber so unglücklich, dass er die Flugrichtung änderte und am verdutzten Jürgen Linnemann vorbei in unser Tor flog.'' 

 

 



Bernd Mehring überrascht mit Devotionalien

Große Überraschung nach dem Austausch über die Reise nach Russland. Bernd Mehring, nach seiner aktiven Zeit viele Jahre lang Aufsichtsratsvorsitzender bei Rotweiß Ahlen, dem Nachfolgeverein von TuS Ahlen (spielten übrigens in der 2. Bundesliga) und begeisterter Sammler von Erinnerungen aus glorreichen vergangenen Fußballzeiten, öffnete seinen Geheimkeller und präsentierte Unikate, die durchaus auch ihren Platz im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund haben könnten. 

So zum Beispiel ein Plakat mit Wimpeln von den Fußballballweltmeisterschaften 1966, 1970 und 1974, Miniaturausgaben der Originalfußballschuhe der WM 1954 mit Unterschriften auf der Schuhsohle und eine Autogrammkarte der Weltmeistermannschaft 1954, abgeschickt nach dem ersten Spiel nach der gewonnenen Fußballweltmeisterschaft (in Brüssel gegen Belgien) an einen guten Freunde, der diese Karte dem damals jungen Bernd Mehring schenkte. Große Unterstützung bei seiner Sammlung erhielt Bernd Mehring von einer herausragenden Fußballpersönlichkeit der 60iger und 70iger Jahre, Willi Schulz, vielen auch als ,,World Cup Willi'' bekannt.

Beide sind verwandtschaftlich verbunden, denn Willi Schulz ist der Schwager von Bernd Mehring. FUSSBALL wird - es versteht sich von selbst  - in diesen Familien seit jeher groß geschrieben. Das Bernd Mehring seine Devotionalien heute stolz präsentiert, ist deshalb selbstredend.

Und hier die Unterschriften auf der Schuhsohle der Miniaturfußballschuhe. Auch hier sind für den aufmerksamen Betrachter und Fußballkenner die Unterschrift gut zu erkennen.

Was für ein Plakat: Wimpel, Autogrammkarten und unterschriebene Fotos (u.a. von Pele) liegen gut geschützt hinter der Glaswand.

Wer genau hinschaut kann hier viele Unterschriften der Weltmeister von 1954 gut erkennen. Sie grüßen aus Brüssel vom Spiel gegen Belgien.