Die Dokumenta14 spaltet die Kunstwelt


Niemals zuvor war eine Dokumenta so umstritten wie die 14. Auflage, die noch bis September in Kassel besucht werden kann. Nicht nur, weil sie  mit Athen und Kassel erstmals an zwei unterschiedlichen Austragungsorten stattfand. Nein, auch weil sie einfach ganz anders ist, als die dreizehn vor ihr. Nachfolgende Bilder sollen einen kleinen Eindruck vermitteln und mit dem einen oder anderen erläuterndem Text werden einige Interpretationsversuche unternommen. Rein subjektiv natürlich. 

 

Wir, die erstmals eine Dokumente besuchten, waren angetan. Von der Stadt, den vielen Möglichkeiten für Spaziergänge und Ausflüge. Egal ob zur Wilhelmshöhe oder zum Herkules - oder in die Stadt. Kassel ist ohne Zweifel sehenswert.

 

Wie konnten uns aber auch an den vielen Kunstobjekten vergangener Dokumente erfreuen, welche über das gesamte Stadtgebiet verstreut nach wie vor zu bestaunen sind. Die meisten indes sind citynah im Schlosspark installiert. Also dort, wo die Dokumenta vergangener Jahre zumeist ihre Höhepunkte offenbarte.

 

Wir ließen uns aber auch auf das Schwerpunktthema der Dokumenta14 ein. Die Vielfalt der Völker dieser Welt, ihre Unterdrückung und die Demokratie. Die älteste finden wir in Griechenland, vielleicht deshalb auch das Dokumenta-Doppel mit Athen und Kassel.

 

Kunstkenner verzweifeln an dieser Dokumenta, wer sich jedoch darauf einlässt und ein wenig Geld für die Spaziergänge mit den verschiedenen Choristen investiert, schaut tiefer hinein und entdeckt plötzlich so unendlich viel.

 

Die Dokumenta15 findet in fünf Jahren statt.  Für uns schon jetzt ein lohnenswertes Ziel, das zumindest seinen Weg auf die langfristige ,,To die Liste'' findet.

 

Jetzt aber viel Spaß beim Betrachten der Bilder.


Das Partheneon der Bücher, eine Installation die den Buchfreund in seinen Bann zieht. Rund 47.000 Bücherspenden waren hierfür eingeplant, es sind nicht ganz so viel geworden, was aber auch gut ist. Denn das nur zu rund 80% fertige Partheneon passt so viel besser in die zeitgeschichtliche Idee des Künstlers, einen Platz der Erinnerung zu schaffen, der seinem Original in Athen zumindest hinsichtlich der Ausmaße entspricht. Hier, genau an diesem Ort, kurz hinter dem ,,In-Lokal'' Alex, probten die Nazis in der 30iger Jahren die Bücherverbrennung. Beeindruckend wie mit dem aus Stahl und Büchern hergestellten Partheneon hieran erinnert wird.



Aus der Ferne betrachtet scheint ein mit Rohren beladener LKW abgestellt worden zu sein. Wer jedoch näher kommt, verweilt und tief in die Rohre hineinblick kommt dem ,,Dokumenta14 Schwerpunktthema'' Unterdrückung, Flüchtlinge sowie Wohn- und Lebensumstände unserer Zeit ganz schnell viel, viel näher...


Beim Blick auf eines der beiden Torwachen-Gebäude, die mit mit Jutesäcken verhüllt wurden und Erinnerung an den von Christo verhüllten Reichstag wach werden lassen.

Hier in Kassel handelt es sich um ein Kunstwerk des Ghanaers Ibrahim Mahama, der vor Ort die Verhüllung begleitete. Er hat in seinem Heimatland alte Jutesäcke, mit denen überwiegend Kaffee transportiert wurde, aufgekauft und den Händlern hierfür neue überreicht. Auch hier gilt: nahe herangehen, schauen und eintauchen. Mehr als beeindruckend dieses Kunstwerk des Künstlers aus Ghana.


In der ,,Neuen neuen Galerie'' wird das Schwerpunktthema allenthalben visualisiert. Hier ist jeder Besucher gezwungen, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Wer sich hierauf einlässt, entdeckt bei jedem Blick Neues. Mit einer besonderen Ausprägung von Gewalt beschäftigt sich eine Künstlerin, die der Gemeinschaft der Sámi (Norwegen) angehört. Máret Ánne Sara hat einen morbiden Vorhang aus 300 Rentierschädeln mit Einschusslöchern (Pile o’ Sápmi, 2017) geknüpft. Sie erinnert damit an den Kampf der Sámi um die eigene Identität, zu der das Halten kleiner Rentierherden gehört. Die wiederum waren immer wieder von massenhaften Zwangskeulungen betroffen.






Wer Kassel außerhalb der Dokumente besucht liest am Kopf des Fridericianum stets den gleichnamigen Schriftzug. Während der Dokumenta hießt es dort nun: ,, Being Save is Scary''.

Die Ausstellung im Fridericianum zeigt erstmals die Sammlung des Nationalen Museums für Zeitgenössische Kunst, Athen (EMST). Das EMST ist eine der zentralen Spielstätten der documenta 14 in Athen.

Dessen junge Sammlung (aufgebaut seit 2000) umfasst rund 1.100 Werke griechischer und internationaler Künstler_innen von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart. Die Präsentation der Werke stellt die Sammlung des EMST der Geschichte des Fridericianum gegenüber – Geburtsort der documenta und erstes öffentliches Museum in Kontinentaleuropa. Sie teilen neue Geschichten, während sie die vorherrschenden Geschichten infrage stellen. Es entsteht ein Kommentar zur komplexen Geschichte des heutigen Griechenlands und eine neue Interpretation des traditionellen Herzstücks der documenta.

 

Für viel Aufregung sorgt fast täglich die Rauchkunst  auf dem Zwehrenturm des Fridericianum. Pünktlich zum Start der documenta 2017 in Athen hat der Künstler Daniel Knorr  sein Rauch-Kunstwerk gestartet. Und seitdem gehen mehrmals am Tag  Anrufe bei der Feuerwehr ein. Den Künstler stört dies wenig. Bei der Vorstellung hat er jedem Medium etwas anderes über Sinn und Zweck dieser ,,Rauchkunst'' erklärt. Der Spiegel war darüber so erzürnt, dass er einen geplanten Artikel mit angeblich exklusiven Äußerungen des Künstlers nicht mehr veröffentlichte. Dabei will dieser mit dem Rauch doch nur einen Gruß nach Athen rüberschicken. Oder?


Und zum Abschluss eine Erinnerung an einen großen Künstler, der mehrfach auf der Dokumenta ausstellen durfte: Josef Beuys. Das Kunstwerk „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“, von Joseph Beuys zur documenta 7 begonnen, verteilt sich im gesamten Stadtgebiet. Am 16. März 1982 pflanzte Joseph Beuys den ersten Baum. 

Fünf Jahre dauerte es, bis das keilförmig aufgeschüttete Steinlager auf dem Friedrichsplatz abgetragen und die soziale Plastik verwirklicht war. Das Geschenk des Künstlers an die documenta-Stadt hatte zur Bedingung, dass 7000 Bäume, begleitet von je einer Basaltstele, auf 7000 Standorte im gesamten Stadtgebiet zu verteilen waren. 

Realisiert wurde die Stadtverwaldung im konstruktiven Zusammenwirken von Künstlereinsatz, Kommunalpolitik und bürgerschaftlichem Engagement.

Die erste und die letzte Pflanzung  - hier zu sehen - erfolgten vor dem Museum Fridericianum. Seit 2002 wird das empfindliche, permanente Pflege fordernde Werk betreut von der Stiftung „7000 Eichen“. Es steht seit 2004 unter Denkmalschutz.